"Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben."

Marianne Birthler liest aus und von ihren Erinnerungen

Ein leichter Sommerabend, mit einem schwerwiegenden Thema: Marianne Birthlers Erinnerungen an die DDR. Marianne Birthler kämpfte gegen die SED-Diktatur. Später wachte sie über die Stasi-Akten und beschreibt diese Arbeit nach anfänglichen Zweifeln als wunderbar spannend. Sie geriet dabei gar mit Gerhard Schröder und Helmut Kohl aneinander, konnte sich aber durchsetzen. Die Akten gehörten aus ihrer Sicht ins Weltkulturerbe, wo sonst gäbe es noch eine solche Sammlung handgeschriebener Liebesbriefe, Lebensläufe und Beobachtungen eines Volkes.

Die einzelnen Etappen, aber auch zufällige Begegnungen ihres ereignisreichen Lebens hat sie, kurzweilig und spannend zu lesen, in ihre Biografie gepackt. Über Jahre hatte sie in verschiedenen Gruppen im Schutz der evangelischen Kirche für das Recht auf Selbstbestimmung und ein freies Leben gekämpft, gegen den Machtapparat der SED und die Staatssicherheit. 1989 war sie eine derjenigen, die mit Gleichgesinnten und Freunden die gewaltlose Revolte organisierten, die dann in den Massendemonstrationen mündete und die Herrscher des Arbeiter- und Bauernstaates hinwegfegte.

Nach der Wende wurde die Dissidentin in die letzte DDR-Volkskammer gewählt, leitete dort die Fraktion von Bündnis 90, wurde Bundestagsabgeordnete, baute als Ministerin in Brandenburg das Bildungssystem neu auf, war für kurze Zeit Vorsitzende der mit dem Bündnis 90 fusionierten Grünen und leitete schließlich als Nachfolgerin von Joachim Gauck zehn Jahre lang die Stasi-Unterlagenbehörde.

Angekündigt und vorgestellt wurde sie von Sebastian Schiller, der in seiner amüsanten Begrüßung zur 28. Auflage des beliebten Formats bereits das zentrale Thema des Abends anklingen ließ: die Erinnerung. Die DDR war eben kein reiner Stasi-Staat, wie es oft in Verfilmungen dargestellt wird. Die Mehrheit der Bevölkerung weigerte sich mit dem Ministerium zusammen zu arbeiten, so Marianne Birthler. Vielmehr ging es um das Dabeisein und die soziale Struktur. Für die Autorin war das bereits als Kind erkennbar, als sie wegen des fehlenden Pionierhalstuches in die letzte Reihe des Schulchores bugsiert wurde. „Ich wollte unbedingt zu den Pionieren, nicht, weil ich vom Sozialismus überzeugt war, ich wollte einfach wie die anderen Kinder sein.“ Erst Jahre später gab ihre Mutter dem Flehend er Tochter nach. Ihre Sicht auf die Dinge und die Geschichte regt zum Nachdenken an. Der „wirkliche Wendetag“ aus ihrer Sicht? Der 9. Oktober 1989. Als die Nachricht aus Leipzig kam, dass der Einsatzbefehl zur Demonstrationsauflösung zurückgenommen worden sei. Damals, nur zwei Tage nach den Jubelfeiern zum 40. Jahrestag der DDR-Staatsgründung, hatten die Montagsdemonstrationen mit rund 70.000 Teilnehmern ihren Höhepunkt erreicht. „Als die Nachricht kam, da wussten wir: Es würde sich was ändern.“ erinnert sich die Autorin.

Marianne Birthler liest und jeder Zuhörer merkt sofort: Sie redet nicht nur, sie sagt auch etwas – in jedem Satz. Ob in der DDR aufgewachsen oder nach 1990 geboren, ihr Buch „Halbes Land. Ganzes Land. Ganzes Leben.“ ist auf eine gewisse Art zeitlos und auch für junge Leserinnen und Leser interessant. Es lehrt, die Freiheit schätzen zu wissen.  

Sebastian Schiller, der wieder in den alten Warenspeicher seiner Ur-Großmutter, "Ad. Bauers Wwe.", eingeladen hatte, schien sichtlich zufrieden. Der Platz war ausgeschöpft worden und noch viel wichtiger: Er konnte bereits den nächsten Termin ankündigen. Am 11. November diesen Jahres gibt es prominenten Besuch von der Deutschen Filmakademie, angeblich werden die Plätze bereits „unter den Finsterwalder Ladentischen vermittelt.“