Saskia Goldschmidt liest aus ihrem Buch: „Die Glücksfabrik“

Saskia Goldschmidt, geboren 1954 in Amsterdam, studierte an der Kunsthochschule Utrecht – sie ist nicht nur Schriftstellerin, sondern auch Schauspielerin und ließ ihre darstellerischen Fähigkeiten bei der Lesung am 23. April im Kreismuseum wunderbar einfließen. Mühelos wechselte sie zwischen den Personen und unterschiedlichen Szenen aus ihrem Buch. Obwohl den meisten Zuhörern das Hintergrundwissen zum Buch fehlte und sie es erst an diesem Abend kauften, konnten sie sofort einsteigen in diese Welt der „Glücksfabrik“, in die Zeit der Dreißigerjahre und all die komplexen Umstände, die dieser historische Hintergrund mit sich bringt. Das Datum für die Lesung ist nicht zufällig gewählt worden, es ist der Jahrestag  der Befreiung jüdischer Häftlinge aus dem „Verlorenen Transport“ (lost transport) bei Tröbitz.

Die gleichnamige AG aus Tröbitz hatte die Lesung organisiert, Rainer Bauer begrüßte die Gäste und die Autoren im gemütlichen Dachgeschossraum des Kreismuseums in Finsterwalde. Saskia Goldschmidt und er kennen sich seit mehreren Jahren, sie besucht die Gedenkstätte in Tröbitz regelmäßig. Über die Kriegsgeschichte ihres Vaters, Paul Goldschmidt, erfuhr die Autorin erst spät etwas – als sie älter wurde, wurde sie neugierig und untersuchte seine Vergangenheit, die schließlich ihre Familiengeschichte ist. Sie besuchte Bergen-Belsen und forschte in Archiven und in Tröbitz nach. Paul Goldschmidt war, genauso wie seine damalige Frau, Insasse des Zuges, hat den Transport jedoch überlebt. Die „Schuld überlebt zu haben“ ist ein Thema des Romans, in dem, rückblickend auf die Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges, grundsätzliche moralische Fragen aufgeworfen werden. „Ein guter Mensch überlebt doch nicht.“, so die Sichtweise Paul Goldschmidts, der Tröbitz nach der Befreiung aus dem Zug nie wieder besuchte.

Die Verbindung zur „Glücksfabrik“ entsteht durch die erste Frau Goldschmidts, Renate Laqueur. Sie ist die Tochter des berühmten Hormonforschers Ernst Laqueur. Hauptfigur des Romans ist dessen Bruder, der aus seiner Sicht erzählende Mordechai de Paauw, der von allen „Motke“ genannt wird. Er blickt kurz vor seinem Tod auf sein Leben zurück und findet ehrliche, teils drastische Worte. In den dreißiger Jahren hatte er die Idee Testosteron aus Wurstzipfeln zu gewinnen – scheinbar genial.  Als die aus der Idee hervorgegangene pharmazeutische Fabrik begann, ihr neues, noch nicht fertig entwickeltes Produkt  an ahnungslosen Fabrikarbeiterinnen zu testen, wurde es monströs. De Paauw war kaum schulisch gebildet und doch schon als sehr junger Mann Direktor der Familienfirma - Hollands größter Fleischfabrik. Voller Mut und Ehrgeiz, der bis zu unbedingtem Erfolgswillen reifte, instrumentalisierte er jeden, der ihm und seinen Plänen von Nutzen sein konnte. Auch den wehrlosen Bruder, den aus Nazi-Deutschland emigrierten Wissenschaftler Rafael Levine, in dem unschwer Ernst Laqueur, Renates Vater, zu erkennen ist, und alle die, die in irgendeiner Form von ihm und seinem Unternehmen abhängig waren.

„Ich möchte keine Schwarzweißbilder zeichnen und die Juden nicht nur aus der Opferperspektive betrachten“, sagte Saskia Goldschmidt gleich zu Beginn der Lesung und weist damit die Richtung für die folgenden Textpassagen. Die anschließenden Fragen zu ihrer Person, ihrer Sicht auf das Buch und ihre Motivation beantwortet sie gewissenhaft und nachvollziehbar für das Publikum. Die detailliert recherchierte Geschichte eines Unternehmens, die dennoch als Fiktion niedergeschrieben ist, fesselt die Zuhörer an Saskia Goldschmidts Vortrag und die Leserinnen und Leser an die Seiten ihres Buches.